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Christoph Lövenich: „NoArgumente“ gegen Tabakwerbeverbot

02 Jul

Einen Hardcoreraucher wie dem Bonner Christoph Lövenich, der schon seit Jahren die Werbetrommel für das sozialverträgliche Frühableben aufgrund Tabakkonsums rührt, muss das angedachte vollständige Werbeverbot für seine geliebten Stinkstängel sehr sauer aufstoßen. Auf seinem Hauskanal „NovoArgumente“ (bei Insidern auch genannt: „NoArgumente“) versucht er dagegen wenigstens ein paar Argumente zu finden. Allerdings mit sehr bescheidenem Erfolg.

Die „Argumente“, die Lövenich vorträgt sind, ganz nebenbei bemerkt, seit Jahren aus den Publikationen der Zigarettenhersteller bekannt. Eines davon ist: „Wir werben nur, um dem Mitbewerber Kunden abzujagen.“ Wer’s glaubt, wird selig. Aber Lövenich glaubt es offenbar und stößt ins gleiche Horn:

Christoph Lövenich, Bonn: Produktwerbung soll nämlich primär den Wettbewerb zwischen verschiedenen Anbietern anheizen, man will sich gegenseitig Marktanteile abjagen. Sowie ein Taschentuchhersteller durch Werbespots nicht die Zahl der Erkältungen oder der Allergiker in die Höhe treiben wird, und Reklame für Babywindeln die Geburtenrate womöglich kaum ankurbelt, so richtet sich Tabakwerbung keineswegs an Menschen, die gar nicht rauchen wollen. (Quelle)

Diese Einlassung mit „absoluter Blödsinn“ zu betiteln ist eher untertrieben. Man hätte das Gegenteil herausfinden können, wenn man sich mit ein paar Insidern der Tabakbranche auseinandergsetzt hätte. Beispielsweise mit Dave Goerlitz. Goerlitz war viele Jahre das Aushängeschild der Marke „Winston“. Seinen früheren Job als „Winston-Man“ beschrieb er so:

Dave Goerlitz: „I was the live version of GI Joe,“ said Goerlitz. „My job was to make tobacco look good and to entice young boys into smoking.“(Quelle)

Im Film „Komm ins Land der Leichen“ sieht man eine Filmsequenz, in der Goerlitz folgende Sätze sagt:

Dave Goerlitz: My job was to lure young people…[.]

(Quelle https://www.youtube.com/watch?v=SQ7L_fET9c0 ab 24:14) (engl. to lure=ködern)

Auch Jeffrey Wigand kann als Kronzeuge gegen die Tabakindustrie was ihre Werbestrategie für junge Konsumenten betrifft, dienen. Der Mann, der jahrelang als Forschungsleiter in einem Labor von Brown and Williamson Tobacco Co., einer Tochter von British American Tobacco (BAT), arbeitete und nach seinem Ausstieg bei dem Konzern auspackte, weiß, auf wen die Werbung der Zigarettenlobby zielt:

Dr. Wigand has set up speaking tours and a foundation called Smoke-free Kids to educate children about „how the industry uses the media, the entertainment industry, sports events, music, and deceptive advertising to introduce children to tobacco. „How they try to ‚hook them young, hook them for life ‚“. (Quelle) (engl. to hook=jm. an den Haken bekommen)

Da kommt es wohl nicht ganz hin, was Lövenich als Entschuldigung im Dienste der Todesindustrie Tabaklobby sagt. Also, gestatten, dass wir lachen, Herr Lövenich, angesichts solcher Sätze:

Christoph Lövenich, Bonn: Sowie ein Taschentuchhersteller durch Werbespots nicht die Zahl der Erkältungen oder der Allergiker in die Höhe treiben wird, und Reklame für Babywindeln die Geburtenrate womöglich kaum ankurbelt, so richtet sich Tabakwerbung keineswegs an Menschen, die gar nicht rauchen wollen.

Wieder mal der übliche dumme Vergleich von Äpfeln und Birnen, der mittlerweile Allgemeingut bei der „Genussfraktion“ geworden ist. Warum ist der Vergleich so über alle Maßen dumm? Ein Taschentuchhersteller würde durch höhere Krankenzahlen profitieren. Er unternimmt aber nichts, um die Krankenzahlen zu steigern. Er könnte es auch gar nicht, da der Taschentuchhersteller nur mit den Folgen der Krankheit sein Geschäft macht, sein Produkt aber nicht die Ursache ist. Niemand wird allergisch, nur weil es Taschentücher gibt.

Für den Tabakproduzenten hingegen ist die krankhafte Abhängigkeit der Konsumenten die alleinige Ursache für seinen Profit. Der Altraucher MUSS rauchen, der Neuraucher WILL rauchen. Letzterem verspricht die Tabakdrogenindustrie einen Zuwachs an Lebensgefühl, Attraktivität und Ausstrahlung. Denn irgendwie muss das ätzende Inhalieren von verbranntem Pflanzenabfall ja „Vorteile“ bringen. Wenn es denn schon so eklig schmeckt und riecht.

Diese krankhafte Abhängigkeit des Rauchers ist im Gegensatz zum Bedarf an Taschentüchern steuerbar. Und die Tabakindustrie unternimmt daher sehr viel dafür, dass mehr Abhängigkeit entsteht. Durch Werbung (um Neukunden zu ködern), aber auch durch beigemischte Zusatzstoffe, die das Inhalieren für den „Stammkunden“ erleichtern und dafür sorgen, dass der Konsument schneller und nachhaltiger süchtig wird. Der Tabakhersteller setzt also an der Ursache an (Suchterzeugung), der Taschentuchhersteller an der Wirkung (allergische Reaktion auf ein körperfremdes Agens).

Lövenich gehen wie bekannt immer sehr frühzeitig die Argumente aus, was beim Thema „pro Tabakwerbung“ fast unvermeidlich ist. Also flüchtet sich der Bonner Raucherlobbyist frühzeitig in Aussagen, die vor Absurdität nur so strotzen:

Christoph Lövenich, Bonn: Werbeverbote unterminieren also marktwirtschaftliche Konkurrenz. Wenn Unternehmen die Reklamemöglichkeiten in Deutschland nun fast ganz genommen werden sollen, schränkt dies nicht nur ihre Kommunikationsmöglichkeiten über Gebühr ein, auch den Verbrauchern werden Informationskanäle blockiert. Von der kulturellen und ästhetischen Bereicherung durch gut gemachte Werbemotive und -spots nicht zu schweigen: Originelle Plakate für Lucky Strike und das HB-Männchen sind längst Kult, die Marlboro-Männer erwärmen durch Brokeback-Mountain-Romantik manch schwules Herz.

Das verursacht bereits körperliche Schmerzen. Wenn man nicht mehr für tödliche Produkte werben dürfe, wäre das ein Angriff auf die Marktwirtschaft? So kann nur ein libertärer Raucherlobbyist seine Weltsicht definieren. Rein auf das Nutzenprinzip, also „pro Rauchen“, abonniert, dafür ohne jede Ethik.

Man müsste dann nämlich nach Lesart Lövenichs auch beispielsweise für Waffen werben dürfen, für Glücksspiel oder Aufputschpillen, oder gleich für alle Arten von Drogen, für Abhörwanzen, Sprengstoff und anderes Zeug mehr. Die Anwendung dieser Güter ist zwar gesetzlich beschränkt bzw. komplett untersagt (und das aus gutem Grund) aber die „Kommunikationsmöglichkeiten“ werden ja „über Gebühr“ eingeschränkt, wenn z. B. Heckler & Koch ihre Maschinenpistolen nicht mehr in Zeitschriften, auf Plakatwänden oder im Internet bewerben dürfen.

Und in seiner letzten Verzweiflung muss Lövenich noch den Marlboro-Mann heranziehen, der ja heute angeblich Kult geworden sei. Ganz abgesehen davon, dass der Cowboy im Dienste von Philipp Morris bereits mit 52 Jahren einem durch das Rauchen ausgelösten Lungenkrebsleiden erlegen ist, was kaum „kultig“ gewesen sein dürfte. Die Hirnrissigkeit des Vortrags von Herrn Lövenich folgt dabei aber der vom „Netzwerk Rauchen“, dem er jahrelang vorgestanden ist.

Und weiter geht der Bonner Tabakfanatiker in die Vollen:

Christoph Lövenich, Bonn: …Einer rührigen Antirauchergruppe aus Bergisch Gladbach bei Köln war es gelungen, ein Verbot von Tabakwerbung auf Plakaten im städtischen Raum politisch durchzusetzen, es dauerte aber Jahre, bis sich überhaupt eine wirtschaftliche Option dafür fand. Bushäuschen werden (nicht nur) dort nämlich von Werbeunternehmern aufgestellt und müssen sich durch Reklameeinnahmen rechnen. Der neue Vertrag bringt, weil er Tabak- und Schnapswerbung untersagt, der Stadt Bergisch Gladbach weniger Geld ein. Ohne Tabakwerbung steht also ein solches Finanzierungsmodell für Wartehäuschen auf dem Spiel. So könnten sich bald selbst die abstinentesten Nichtraucher ungeschützt im Regen vorfinden.

Ach nee, und durch was wird nun beweisen, dass die Werbung für andere, weniger tödliche Produkte weniger lukrativ ist? Hier in Karlsruhe werden die Wartehäuschen übrigens von den Nahverkehrsunternehmen KVV und AVG betreiben und stehen immer noch. Auch ohne Tabakwerbung.

So, und nun meine sehr verehrtern Leserinnen und Leser, auf was für einen argumentativen Geniestreich des Herrn Lövenich warten wir nun noch? Richtig! Der Nazivergleich! Das allerdümmlichste Standardargument eines jeden Hardcorenikotinikers kurz vor dem vollständigen Abbrand der letzten Raketenstufe. Und hier ist er:

Christoph Lövenich, Bonn: Ganz neu wäre ein weitreichendes Plakatwerbeverbot für Tabakwaren in Deutschland zugegebenermaßen nicht, unter den für ihre Antirauchermaßnahmen berüchtigten Nazis bestand es mehrere Jahre.

YES, HE CAN! Kein Raucherblödsinn ist richtig rund ohne mindestens einen Nazivergleich. Darauf erst einmal ein zackiges „HEIL LUNGENKREBS!“ (Nur für Dich, Alexander Jäger aus Aalen! Weil Du es doch so gerne magst.)

Christoph Lövenich, Bonn: Damit sind wir wieder bei der Gretchenfrage angelangt, welches Bild ein Staat von seinen Bürgern haben muss, der ihnen derartige Regulierung aufoktroyiert. Der mündige Bürger, der selbstverständlich damit umgehen kann, dass er von aller Art Werbung für alle möglichen Produkte traktiert wird, hat nach dem Verständnis der Bundesregierung jedenfalls ausgedient. Zurück bleibt ein ‚Konsumtrottel‘, der sich dankbar die Augen vor allen bösen Einflüssen zuhalten lässt, und eine Politikergarde, die sich auf die Brust klopft, wenn sie – siehe oben – vieles verboten hat, was bisher möglich war.

Wen könnte Lövenich wohl meinen, wenn er den Begriff „Konsumtrottel“ einflicht? Am Ende etwa einen Konsumenten einer tödlichen Droge, der glaubt, hier „Freiheit, Selbstbestimmung und Genuss“ zu inhalieren? Das wäre nämlich meine Interpretation.

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4 Antworten zu “Christoph Lövenich: „NoArgumente“ gegen Tabakwerbeverbot

  1. Dick Rauch

    3. Juli 2015 at 00:47

    Schöner Artikel, gute Argumente – im Unterschied zu den „No Argumenten“ vom Ausnahmejournalisten Christoph L.
    Es ist aber doch ganz einfach: Tabak ist kein Produkt, sondern ein Unprodukt. Es handelt sich um eine Droge, die was Suchtpotenzial und Körperzerstörung angeht, mit sogenannten harten Drogen wie Heroin und Kokain vergleichbar ist. Tabakdrogen werden zum alleinigen Zweck produziert, um Konsumenten mit dem Versprechen von „Genuss, Freiheit und Abenteuer“ zu akquirieren, diese schnellstmöglich süchtig zu machen und bis zu ihrem vorgezogenen Tod abzuzocken. Das wäre schon schlimm genug, aber dazu kommt noch eine Belästigung und Schädigung Unbeteiligter.
    Ein Unprodukt – Rauchen ist bekanntlich das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko überhaupt – sollte nicht nur einem absoluten Werbeverbot unterliegen, sondern es sollte selbst auch gar nicht verkauft werden dürfen. Reden wir also langfristig nicht über ein Werbeverbot, sondern über eine Welt ohne tödliche Tabakdrogen.

     
    • Peter Rachow

      3. Juli 2015 at 11:36

      Dazu ist noch anzumerken, dass „NoArgumente“ offenbar Angst davon hat, einen Kommentar von mir freizuschalten. Mein dezenter, gestern Abend geposteter Hinweis, dass der von Christoph Lövenich veröffentlichte Unsinn beantwortet werden muss (nebst Link auf diesem Blog) wurde dort dezent entsorgt. Allerdings habe ich anhand meiner Statistikseite gesehen, dass ein Klick auf den Artikel von „NovoArgumente“ kam. Da hat sich wohl ein Redakteur den Beitrag angesehen und befunden, dass er mit seiner Auffassung von „Freiheit“ nicht kompatibel ist. Aber so sind sie eben, die „freiheitlichen Genussfreunde“. 😉

       
  2. Noch_ein_Leser

    4. Juli 2015 at 13:52

    @Hetzwerk: Weiter so! 😉

     

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