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„Süddeutsche“: Tabakwerbung verbieten hilft nicht. Oder doch?

29 Jun

In einem online-Artikel der „SZ“ schreibt Guido Bohsem etwas zum angedachten allgemeinen und einschränkungslosen Werbeverbot für Tabakwaren. Und dessen Meinung mag ich mich überhaupt nicht anschließen. Denn Herr Gohsem lässt bei seinen Betrachtungen elementare Sachverhalte außer acht.

Guido Bohsem (Süddeutsche Zeitung): Hersteller von Tabak und Zigaretten brauchen eigentlich gar keine Werbung. Ihr Produkt macht süchtig, wie kaum ein anderes Konsummittel. Und es ist, im Vergleich zu anderen Suchtmitteln, recht schwer, das Rauchen wieder sein zu lassen. Manch einer kommt sein ganzes Leben lang nicht davon weg, obwohl er oder sie es immer wieder versucht. (Quelle)

Bereits hier irrt der Autor. Ist jemand erst einmal süchtig nach Nikotin mag ihm Tabakwerbung wirklich egal sein. Diese Nutzer sind aber nicht die Zielgruppe. Die sind schon „angefixt“ und da könnte man sich den Aufwand in der Tat sparen. Es geht um die Neukunden von denen die Tabakdrogenlobby jeden Tag alleine in Deutschland ca. 300 aquirieren muss, weil ihnen die Altkunden in gleicher Zahl wegsterben. An Lungenkrebs, anderen durch das Rauchen ausgelösten Krebserkrankungen, Herzinfarkt etc. Wer tot ist, raucht nicht mehr und man braucht daher für jeden „sozialverträglich früh abgelebten“ Raucher einen neuen. Und genau darauf hat die Tabakwerbung den Fokus. Neue Kunden braucht der Markt der tödlichen Drogen.

Warum sieht man denn auf den Plakaten nur frisch und cool aussehende Jugendliche? Und dies trotz Werbeverbots mit Personen, die erkennbar unter 30 Jahren alt sind? Weil man genau diese Leute als Werbeikonen und als Neukunden dringend benötigt.

„Get them while they’re young!“ ist dabei seit Jahrzehnten die Maxime der Tabakwerber. Wen man mit 15 als Raucher anfixt, aus dem kann man 20, 30, 40 oder bestenfalls 50 Jahre den maximalen Profit rausholen bis er dann nach einem „genussvollen“ Leben endgültig abtritt. In internen Dokumenten der Tabaklobby stand die Zielrichtung daher schon in den 80ern eindeutig definiert:

„It is important to know as much as possible about teenage smoking preferences. Today’s teenager is potentially tomorrow’s regular customer.“

Andere Darstellungen im Artikel von Bohsem sind ebenfalls kaum nachvollziehbar:

Guido Bohsem (Süddeutsche Zeitung): Es geht um Plakate, um abendliche Werbung im Kino und um Werbung in Kiosken oder Rauchwaren-Geschäften. Es ist eine Werbung, die also weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet.

Wenn Plakate unter „Ausschluss der Öffentlichkeit“ ausgestellt werden, dann sollte Herr Bohsem vielleicht einfach mal offenen Auges durch die Stadt laufen. Mir begegnen diese Tabakwerbungen nämlich an allen erdenklichen Orten: Auf Bahnhöfen, am Straßenrand, an Litfasssäulen. Ähnliches gilt auch für andere Werbungen: Ins Kino gehen vor allem junge Leute, an Kiosken kommen alle vorbei, der schwerstabhängige Zigarettenjunkie nach 30-jähriger Raucherkarriere ebenso wie der Zwölfjährige der gerade aus der Schule nach Hause geht.

Guido Bohsem (Süddeutsche Zeitung): Nach Schmidts Vorstellungen soll der Staat nun die Werbung für ein Produkt vollständig verbieten, das er selbst als legal einstuft und für dessen Konsum er in diesem Jahr mehr als 14 Milliarden Euro Steuern kassiert.

Das typische Raucherargument. Weil der Staat dran verdient, muss man auch die Werbung zulassen. Eine sehr eigentümliche und wenig reflektierte Aussage. Der Staat verdient übrigens beispielsweise auch an Waffen. Darf man nun die Forderung nach offensiver Waffenwerbung erheben? Sicher nicht. Denn sowohl Waffen als auch Zigaretten sind tödliche Produkte. Bei Waffen nur mit dem Unterschied, dass primär der getötet wird, auf den sich die Mündung richtet. Bei Zigaretten der, der sie bestimmungsgemäß gebraucht. Zigaretten sind somit ebenfalls potenziell tödliche Produkte. Und für die verbietet sich eine offensive Bewerbung schon aus ethischen Gründen.

Guido Bohsem (Süddeutsche Zeitung): Das versteht kein Mensch. Auch in der Sache trägt Schmidts Vorschlag nichts dazu bei, die Zahl der Raucher auch nur geringfügig zu senken. Da hilft nur beharrliche Aufklärung, geduldiges Informieren und das Aufzeigen von Wegen aus der Sucht.

Das dürfte der einzige Teil des Aufsatzes sein, wo ich Herrn Gohsem zumindest teilweise, nämlich bei dem letzten Satz, zustimmen mag. Und genau deshalb muss man Tabakwerbung verbieten. Jugendliche müssen sehen, dass Rauchen nichts mit Coolness und Erwachsensein zu tun (es sei denn man möchte schnell so aussehen wie die bekannten erwachsenen Raucherwracks aus der Szene). Rauchen ist nicht chic, es ist nicht cool und die Tabaklobby muss daran gehindert werden ihre Botschaften von „Rauchen bedeutet Coolness“ wie z. B. die „May be“-Kampagne von Marlboro weiter unter’s Volk zu streuen. Junge, coole Raucher im offenen teuren Cabrio sind die falsche Botschaft. Aber am Infusionstropf hängende Lungenkrebspatienten mit einer Restlebenserwartung von wenigen Monaten eignen sich nicht besonders gut als Werbeträger, das gebe ich zu.

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10 Kommentare

Verfasst von - 29. Juni 2015 in Tabakwerbeverbot, Tabakwerbung

 

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10 Antworten zu “„Süddeutsche“: Tabakwerbung verbieten hilft nicht. Oder doch?

  1. Nieraucher

    29. Juni 2015 at 13:47

    Soll mir der Verfasser mal erklären, warum dann die Tabaklobby (mit ihm als Sprachrohr) so gegen das Verbot ist, wenn das Verbot so gar nichts bringen wird. Dann tut es den Tabakherstellern ja gar nicht weh, wenn sie nicht mehr werben dürfen. Im Gegenteil, Millionen von Euro, die jetzt für Werbung verbraten werden, werden dann gespart.
    Ja, wenn man den Artikel gelesen hat, fragt man sich doch, warum für Zigaretten und sonstige Tabakprodukte (nicht Rauchwaren, das wäre dann was anderes) überhaupt geworben wird!

     
  2. Dick Rauch

    29. Juni 2015 at 15:39

    Bohsem erwähnt nicht, dass Deutschland zusammen mit Bulgarien das letzte Land in der EU ist, in dem Tabakwerbung überhaupt noch zulässig ist. Statt dessen wird durch die Aussage „Das versteht kein Mensch.“ der Eindruck erweckt, Deutschland plane etwas Ungeheuerliches. Dabei ist das generelle Verbot von Tabakdrogenwerbung bereits längst der Normalfall.
    Für verschreibungspflichtige Medikamente und indizierte Filme bzw. Computerspiele darf auch nicht geworben werden, obwohl diese legal sind. Auch das fehlt in dem Artikel, der – sorry – nur das Niveau eines Hardcoreraucher-Leserbriefs hat.
    Die Plakate sind, wie hier schon gesagt wird, keineswegs unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zwar dürfen diese nicht in der Nähe von Schulen hängen, allerdings werden nach meiner Beobachtung gerne Bushäuschen mit Werbung für tödliche Tabakdrogen zugekleistert, die von Schülern stark frequentiert werden.
    Werbung funktioniert, sonst würde nicht geworben werden, so einfach ist das. Werbung verleitet gerade potenzielle Neueinsteiger, die noch Zweifel haben. Aus diesen Maybes sollen also Genießer werden, denen dann eine leidvolle Raucherkarriere bevorsteht, in der eine Amputation der Beine, COPD, Lungenkrebs, Herzinfarkt und weitere Späßchen bevorstehen.
    Interessant wird es, falls kein Tabakwerbeverbot kommt. Denn die ekelhaften Warnbilder werden dann in Zukunft wahrscheinlich in der Werbung gezeigt werden müssen, so wie auch heute textliche Warnhinweise in der Werbung sichtbar sein müssen. Man darf hier auf ein wenig Antiwerbung hoffen, auch darauf, dass manche Unternehmen aus diesem Grund nicht mehr werben wollen.

     
    • Matthias Aichmaier

      29. Juni 2015 at 23:10

      100%ige Zustimmung. Dem ist nichts hinzuzufügen.

       
  3. Richard Hagenauer

    29. Juni 2015 at 18:05

    Es ist nicht nachvollziehbar, dass so viel Wert auf ein Werbeverbot gelegt wird. Dabei geht es gar nicht so sehr um Plakate. Unerwähnt bleibt vor allem die indirekte Werbung in den Medien, besonders im Fernsehen, wie vor einigen Tagen eine riesengroße vierfarbige Abbildung von Sargnägel-Schachteln in einer Stuttgarter Zeitung!
    Zippt man, besonders abends durch die Fernsehsender, wird ohne Unterlass gequalmt! Das sehen Kinder und Jugendliche zu Millionen, und das wohl gemerkt: täglich – minütlich!!! Ein Bild sagt mehr, als tausend Worte. Diese aktive Werbung ist nicht verboten…die s.g. Tabakmafia lacht sich kaputt!!!
    Warum aber Werbeverbot und kein absolutes Rauchverbot ohne irgendwelche Ausnahmen, immer und überall??? Sind die Millionen Kranke und Süchtige und 140 000 Tote p.a kein Grund, den Tabak völlig zu ächten? Ist denn Tabak nicht bereits verboten mit dem Grundgesetz und dem Strafgesetzbuch? Warum ziehen wir nicht alle an einem Strick in die selbe Richtung? Kann es denn sein, dass wir mit der Methode „Rauchen ja, aber nicht immer und nicht überall“ der s.g. Tabakmafia einen großen Gefallen bereiten? Ist nicht Jedem klar, dass Alle geschützt werden müssen? Ist es nicht äußerst menschenfeindlich, wenn man im Sommer nicht in die Außengastronomie, besonders nicht mit Kindern in den Biergarten sitzen kann, und an fast allen anderen Orten ebenfalls gequalmt wird? Ich rufe alle zum Umdenken auf! Denn nur eine gemeinsame Linie bringt den Erfolg!!!

     
    • Hustinette

      29. Juni 2015 at 23:02

      Wie soll das gehen mit dem absoluten Rauchverbot, dem zuerst ein absolutes Verbot von Produktion, Handel und Verkauf vorangehen müsste, sprich: Maßnahmen, die Tabak zum illegalen Produkt machen? Nicht, dass die Vorstellung nicht verlockend wäre!

      Aber wenn man verfolgt, zu welchen Ausfällen per Kommentar sich Raucher hinreißen lassen, wenn es mal wieder irgendwo eine „Bitte nicht an Haltestellen rauchen“-Kampagne gibt oder wenn über rauchfreie Strände oder Schwimmbäder berichtet wird, wenn man jeden Tag Meldungen sieht, wie Raucher, die grade mal keine Fluppe zur Hand haben, auf ihre Mitmenschen brutal losgehen und sie berauben, verletzen oder töten, dem wird mehr als mulmig bei dem Gedanken, wie das wäre am Tag X, an dem nirgends mehr legal Tabak zu bekommen ist – oder am Tag Y nach dem Tag X, wenn die gehamsterten Vorräte zur Neige gegangen sind.

      20 Mio. Raucher in Deutschland auf Entzug? Rette sich, wer kann!

      Wenn das Rauchen auf die privaten Bereiche und Stunden, nur im Beisein von damit einverstandenen Erwachsenen, beschränkt würde, wäre schon viel gewonnen.

       
    • Matthias Aichmaier

      29. Juni 2015 at 23:08

      Leider wir nicht nur im Abendprogramm hemmungslos gequalmt. Wer wissen möchte, wie ein jugendliches Zielpublikum gezielt indoktriniert wird, der sollte sich einmal den Film “Fack ju Göhte“ antun. Mich hat nur gewundert, dass im Abspann nicht noch explizit eine Danksagung an BAT und Philip Morris zu sehen war.

       
      • Joseph

        30. Juni 2015 at 18:13

        Bei “Fack ju Göhte“ rauchen doch eh nur die Proleten, der Film entspricht also durchaus der Realität.

         
    • Noch_ein_Leser

      29. Juni 2015 at 23:47

      Ich bin der Ansicht, dass ein Tabakwerbeverbot ein weiterer Schritt in die richtige Richtung wäre! Je weiter die Ächtung dieser schmutzigen Droge voranschreitet, desto leichter werden sich politische Mehrheiten finden lassen das Rauchen in Film und Fernsehen sowie in Parks, an Stränden, in Biergärten, in Stadien, in Fußgängerzonen, usw. zu verbieten.

       
  4. Dick Rauch

    30. Juni 2015 at 23:06

    Ja, Tabak-Product Placement ist ein weiteres, riesiges Problem. Was viele nicht wissen, während für viele Produktarten Product Placement unter Auflagen erlaubt ist, ist Product Placement für Tabak in Deutschland generell verboten. In vielen Fällen muss man davon ausgehen, dass es keine Vorlieben von Regisseur und Drehbuchautoren sind, wenn Rauchen nicht nur als Normalität dargestellt wird, sondern auch Marken genannt und gezeigt werden. Doch in den meisten Fällen dürfte der Nachweis fast unmöglich sein, sollte tatsächlich Geld von der Tabakdrogenindustrie geflossen sein.

     
  5. Noch_ein_Leser

    27. Juli 2015 at 11:13

    Liebe Leute, schaut Euch das hier doch mal an:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-126830885.html

    Machnig ist mittlerweile wie im Artikel vermutet Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium und sein Kumpel Karpinski immer noch dick im Geschäft mit der Tabakwerbung:

    http://kress.de/alle/detail/beitrag/42706-prince.html

    Und nun liest man, dass das Bundeswirtschaftsministerium sich gegen ein Verbot der Plakat- und Kinowerbung positioniert:

    http://www.forum-rauchfrei.de/index.php?did=20150721_bmwi_blockiert_tabakwerbeverbot.doc

    Zufälle gibt es …

     

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